Seit einigen Jahren ist eine Bewegung zu beobachten, die jene Form der künstlerischen Tätigkeit aufwertet, die bis dato als nicht diskursfähig stigmatisiert war: Die Handarbeit, oder, englisch, Crafting. Junge Frauen, vornehmlich aus den USA, die sich dem feministischen und subkulturellen, aktivistischen bis akademischen Milieu zurechnen, entdecken diese Form der Eigenproduktion von Artefakten zwischen künstlerischer Ambitioniertheit und dezidiertem Alltagscharakter für sich als Strategie des Protestes und des Community-Building. Das Spektrum dieser Praktiken kann dabei von Michaela Meliáns hoch intellektualisiertem Einsatz von Nähtechniken und Patricia Wallers ironischen Häkelarbeiten bis zu der unter Lo-Fi-Bedingungen werkenden, unbekannten Userin des Forums Etsy.com reichen. Während die Mütter bzw. Großmütter dieser Produzentinnen noch aus ökonomischen und gesellschaftlichen Gründen gezwungen waren, sich mit Strick- und Nähnadeln zu beschäftigen, sind diese Zwänge heute lange nicht mehr gegeben. Im Gegenteil – ein Großteil des Wissens, das matrilinear von Großmutter zu Mutter zu Tochter tradiert wurde, ist in der postfordistischen Konsumgesellschaft ausgehöhlt worden. Einzig die pejorative Wahrnehmung dieser klassisch weiblichen Tätigkeiten als hausbacken und uninnovativ bleibt bestehen.

In Übereinstimmung mit dem Gedankengut des Third-Wave-Feminismus, der sich für eine Dekonstruktion dieser geschlechterspezifischen Herabminderungen stark macht, reklamieren diese Frauen die „Coolness“ jener neuen, weiblich geprägten Do-It-Yourself-Kultur für sich. Darüberhinaus begreifen sie den Akt des Crafting als Akt des Protestes, den Leah Kramer, Betreiberin des Forums craftster.com, sogar als „revolutionär“ bezeichnet. Denn die meisten dieser Frauen – und einige Männer – arbeiten nicht isoliert im trauten Heim vor sich hin, sondern schließen sich in „Stitch and Bitch“ oder ähnlich ironisch-aggressiv benannten Gruppen zusammen und erreichen so zum einen eine größere Vernetzung, zum anderen eine höhere Sichtbarkeit. Für viele dieser Crafters ist ihre Tätigkeit auch ein klar politisches Statement, das in Gruppierungen wie „Knitters Against Bush“, „Queer Knitters“ oder „Revolutionären Nähkränzchen“, die es auch schon in Österreich (Innsbruck) gibt, am sichtbarsten hervortritt. Neben diesen dezidiert politischen Statements ist Crafting aber immer auch als Abkehr von einer über- und massenproduzierenden Wegwerfgesellschaft zu sehen, indem einerseits durch die selbst hergestellten Unikate die Individualität bzw. Nonkonformität zum Ausdruck gebracht wird, andererseits aber häufig auch gebrauchte Materialien recyclet und umfunktioniert werden.

Während sich die Crafting-Begeisterung in einer stetig wachsenden Zahl an Weblogs, Fanzines, Zeitschriften und Buchveröffentlichungen Bahn bricht, ist parallel ein Trend zur neuen Domestizierung von Frauen zu beobachten, der kritisch untersucht werden muss. Jean Railla z.B., die Autorin von « Get Crafty », versteht ihr Werk als Manifest für eine „New Domesticity“, ohne die für Frauen historisch so prekären Ausschlussmechanismen zu hinterfragen. Offenbart sich hier gar eine retro-utopische Sehnsucht nach Häuslichkeit, Individualität und Authentizität in einer technologisch perfektionierten Welt?

In der Lehrveranstaltung soll das emanzipatorische Potenzial dieser Neubewertung klassisch weiblicher Tätigkeiten analysiert sowie die künstlerischen Gestaltungspraxen, die sich hier ausbilden, mit dem traditionellen Bild von Handarbeit bzw. Kunsthandwerk abgeglichen werden. Wie haben sich die Tätigkeiten und das Selbstverständnis dahinter verändert, wie verläuft heute ihre Rezeption? Wie werden heterosexistische Geschlechterstereotype verhandelt bzw. unterminiert? Zu diesem Zwecke soll mit Anschauungsmaterial wie Websites, Zeitschriften, Fanzines, Videos, Buchveröffentlichungen und physischen Objekten in dialogischer Form gearbeitet werden. Die Einbindung von Crafting-Produzentinnen als Diskussionspartnerinnen ist ausdrücklich vorgesehen.